
Die Weiße Schlange und die Leifeng-Pagode
Foto: Yinweichen · CC BY-SA 4.0
Ein verliebter Schlangengeist, ein Mönch, der sich ihr in den Weg stellt, und eine echte Pagode am Westsee, die 1924 einstürzte.
Von allen Geschichten über den Westsee kennt fast jedes Kind in China eine ganz bestimmte. Sie beginnt an einem Frühlingstag, im Regen, auf einer Brücke.
Ein geliehener Schirm
Der Legende nach übten zwei Schlangengeister jahrhundertelang, in vielen Fassungen tausend Jahre, in den Bergen ihre Zauberkräfte, bis sie Menschengestalt annehmen konnten. Die Ältere wurde zu Bai Suzhen, der Weißen Frau, die Jüngere zu ihrer Gefährtin Xiaoqing, der „Kleinen Grünen“. Um das Qingming-Fest kamen sie herab, um den Westsee zu sehen. An der Gebrochenen Brücke überraschte sie ein Schauer, und ein junger Mann namens Xu Xian, Gehilfe in einer Kräuterapotheke, lieh ihnen seinen Schirm und teilte mit ihnen ein Boot. Am nächsten Tag holte er den Schirm ab, und bald darauf waren die beiden verheiratet und führten eine eigene Apotheke.
Dann tritt der Mönch Fahai auf. Er erkennt, wer Bai Suzhen wirklich ist, und warnt ihren Mann. Zum Drachenbootfest, an dem man Realgarwein trank, um Schlangen und Insekten fernzuhalten, überredet Xu Xian seine Frau zu einem Becher. Sie verwandelt sich zurück in eine riesige weiße Schlange, und er stirbt vor Schreck. In der beliebtesten Episode fliegt Bai Suzhen, schon schwanger, zu einem heiligen Berg, stiehlt ein Zauberkraut und holt ihn ins Leben zurück. Als Fahai Xu Xian später im Jinshan-Tempel festhält, lassen sie und Xiaoqing das Wasser gegen den Tempel steigen, um ihn zurückzuholen, und scheitern. Am Ende fängt der Mönch sie in seiner Almosenschale und schließt sie unter der Leifeng-Pagode ein.
Sehenswürdigkeit in HangzhouWestsee 西湖Hangzhous berühmter See, umgeben von Hügeln, Pagoden und weidengesäumten Dämmen. UNESCO-Welterbe.Eine Geschichte, viele Enden
Die Legende wuchs über Jahrhunderte, und eine einzig richtige Fassung gibt es nicht. Ihre frühen Formen waren eher eine Warnung: eine schöne Frau, die in Wahrheit eine gefährliche Schlange ist. Die erste vollständige schriftliche Fassung stammt vom Ming-Autor Feng Menglong, 1624 in seiner Sammlung „Geschichten zur Warnung der Welt“ unter dem Titel „Frau Weiß wird für immer unter der Leifeng-Pagode gebannt“. Dort heißt der junge Mann Xu Xuan, die Weiße Frau wird noch mehr gefürchtet als bemitleidet, und am Schluss steht ein Vers: Sie komme erst frei, wenn die Pagode fällt und der See austrocknet.
1771 formte der Dramatiker Fang Chengpei die Geschichte für die Bühne um. Seine Weiße Frau ist sanft und treu, und sie erwartet ein Kind. Spätere Opern fügten glücklichere Enden hinzu: In manchen wächst ihr Sohn heran, wird Bester der kaiserlichen Prüfungen und kniet vor der Pagode, bis sie befreit wird; in anderen kehrt Xiaoqing mit neuen Kräften zurück und bringt die Pagode zum Einsturz. Pekingoper, Yue-Oper, Film und Fernsehen haben sie seither immer wieder erzählt, und 2006 kam die Legende auf Chinas erste nationale Liste des immateriellen Kulturerbes.
Die Pagode, die wirklich fiel
Die Leifeng-Pagode ist, anders als die Weiße Frau, Geschichte. Qian Chu, der letzte König von Wuyue, eines kleinen Reiches mit Hangzhou als Hauptstadt, ließ sie um 975–977 errichten. Sie stand auf einem niedrigen Hügel am Südufer und hieß zuerst Huangfei-Pagode, nach einer königlichen Gemahlin; bald benannten die Leute sie nach dem Hügel. Sie sollte eine buddhistische Reliquie bergen, und in manchen ihrer Ziegel steckten winzige, gerollte gedruckte Sutren mit der Jahreszahl 975. Krieg und Feuer beschädigten sie mehrmals, im 16. Jahrhundert brannten ihre hölzernen Galerien ab, und zurück blieb ein nackter Backsteinturm. Ihr Umriss im Abendlicht zählte schon damals zu den Zehn Ansichten des Westsees.
Über Generationen glaubten die Menschen, die Ziegel heilten Krankheiten oder brächten Glück, und trugen sie Stück für Stück davon. Am 25. September 1924 stürzte der alte Turm ein. Wer die Legende kannte, bemerkte es sofort: Die Pagode war gefallen, auch wenn der See nicht ausgetrocknet war.

2001 öffneten Archäologen die Kammer unter den Ruinen. In einer Eisentruhe lag ein silberner Stupa, der ein Haar des Buddha enthalten soll, umgeben von vergoldeten Bronzefiguren und anderen Gaben. Eine neue Pagode, eröffnet am 25. Oktober 2002, steht heute direkt über den alten Fundamenten, die in ihrem Inneren geschützt sind.
Sehenswürdigkeit in HangzhouLeifeng-Pagode 雷峰塔Wiederaufgebaute Pagode am Südufer, verbunden mit der Legende von der Weißen Schlange, mit weitem Blick über den See.Besuch heute
Heute fahren Sie den Hügel hinauf zur Pagode und blicken im untersten Geschoss auf die Backsteinreste des tausendjährigen Sockels. In den oberen Etagen erzählen Schnitzereien die Geschichte der Weißen Schlange, und von der obersten Galerie überblicken Sie den ganzen See, am schönsten im späten Nachmittagslicht. Danach lohnt sich der Weg über den Bai-Damm zur Gebrochenen Brücke, wo alles begann. Praktisches finden Sie unter Leifeng-Pagode und Westsee.
Orte in dieser Geschichte
Quellen
- Hangzhou CPPCC: 100 years since Leifeng Pagoda fell, the story of its rebirth (Chinese) (hzzx.gov.cn)
- The Paper: A first-hand account of the 2001 excavation of the Leifeng Pagoda underground palace (Chinese) (thepaper.cn)
- CPPCC News: How the Legend of the White Snake evolved (Chinese) (rmzxw.com.cn)
- Wikipedia: Legend of the White Snake (secondary) (en.wikipedia.org)
- Wikipedia: Leifeng Pagoda (secondary) (en.wikipedia.org)
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